Rolling Novel (21)
Vorbereitungen
Nachdem ich Steffi angerufen und ihr erzählt hatte, was geschehen war und was ich nun vorhatte, nahm ich mir einen Stift und ein Blatt Papier, um zu notieren, was ich bräuchte. Steffi war begeistert; sie meinte, es sei sehr rücksichtsvoll von mir, daß ich ihnen nicht nachreiste, obwohl sie sich wahnsinnig darüber freuen würde, mich zu sehen. Sie vermisse mich. Unglaublich! Kaum 24 Stunden war sie weg – es machte mich ein wenig Stolz.
Sie waren in Prag, hatte sie erzählt, und dann schwärmte sie mir etwa zehn Minuten vor, wie wahnsinnig (waaaahnsinnig!) toll es doch sei; nur gestern Abend sei es doch etwas kühl gewesen. Sie liebe mich. Ich liebe Dich auch, antwortete ich. Ich solle ihr jeden Tag eine Mitteilung schicken, damit sie wisse, daß es mir gutgehe. Mach ich doch gerne. Gut. Sonst noch was? Nein. Gut. Dann bis morgen oder so. Bis dann. Ciao. Ciao.
Jetzt begannen meine Vorbereitungen. Daß ich das Auto von Andrew bekommen würde, war mir klar. Gut, dann schreib auf, was Du brauchst!
Eine Stunde später hatte ich einen DIN A4 Bogen Papier beschrieben. Ich betrachtete mein Werk und dann erst fiel mir auf, das für meinen Plan noch einiges vonnöten wäre. Ich überlegte eine Weile, was ich denn streichen könnte, doch dann entschied ich mich dafür, es so zu belassen, wie ich es mir ausgedacht hatte und es richtig anzupacken.
Mein erster Weg führte mich zum ADAC. Es war das erste Mal, daß ich die Dienste dieses Clubs beanspruchte und mich überkam ein mulmiges Gefühl, als ich die Tür öffnete und meine ADAC-Jungfräulichkeit zerstörte. Ich war schon einige Jahre Mitglied; mein Vater hatte mir die Mitgliedschaft geschenkt als ich die Führerscheinprüfung bestanden hatte und wenn ich es mir recht überlegte, war mir klar, daß er noch heute die Beiträge dafür bezahlte. Was soll’s! Er hatte sich deswegen nie bei mir beschwert. Egal, ich dachte mir, daß sie jetzt mal etwas für das Geld tun und mir die Reiseroute ausdrucken könnten. Und dazu alle möglichen Informationen über das andere Land.
„ Wo möchten Sie denn gerne hinfahren?“ fragte mich die Frau am Computer.
„ Ja, ähm, ich weiß nicht genau,“ sagte ich. Ehrlich, ich hatte mir vorher wirklich nicht überlegt, wie denn mein Urlaubsziel aussehen, beziehungsweise heißen sollte. Peinlich. Mann, ich sage Euch, diese Frau hat mich angekuckt, als ob ich von einem anderen Stern komme. Entsetzen konnte ich auf ihrem Gesicht ausmachen. Dann veränderte sich ihre Miene von Mitleid über Besorgnis, bis hin zu Unverständnis und Wut.
„ Das heißt, äh, eigentlich weiß ich es schon,“ stotterte ich (laß Dir schnell was einfallen – Süden, Süden, jaja, schnell, schnell) „ nach Frankreich, Südfrankreich und Spanien, ja genau, Südfrankreich und Spanien.“
Die Frau schaute immer noch etwas verdutzt und benötigte ein paar Sekunden bis sie mich fragte: „ Und wohin genau?“
„ Haben Sie mir vielleicht einige Tips fürs Campen dort unten?“ erwiderte ich verlegen.
Wieder einige Sekunden später: „ Oh ja, klar, wir haben Adressen von Campingplätzen in unserem Reiseführer für Camper, aber könnten Sie trotzdem etwas genauer sein – Mittelmeerküste oder eher am Atlantik? Am Atlantik hätte ich einige Campingplätze, die sehr gut sind, besonders für junge Leute, dort ist immer was los.“
Ich wußte genau, wie sich die Frau jetzt fühlte; ohne es zu wollen, bin ich auch zu einem Arschlochkunden geworden und sie durfte mich nicht einmal anschreien. Scheiß Etikette.
„ Ja,“ sagte ich, „ Atlantik.“
„ Gut,“ sie atmete erleichtert auf, „ Arcachon, das ist ein kleiner Ort bei Bordeaux, dort hat es einige Campingplätze, die sind gut, aber dennoch günstig, direkt hinter der Düne von Pyla, die größte Düne Europas.“ Sie sagte das mit leicht triumphierender Stimme.
„ Moment,“ sagte sie und drehte sich zu einem Ständer für Kataloge und Broschüren um, „ Das steht hier auch in unserem Reiseführer.“ Sie übergab besagten Reiseführer an mich. Ich blätterte kurz darin. Soll mir recht sein. Warum nicht? Atlantikküste. Ja, warum nicht. Ob sie mir auch noch einen Streckenplan ausdrucken könne, habe schließlich keine Ahnung, wo genau das liege. Sie übergab mir einen Stapel von kleinen Karten, während sie an ihrem Computer herumfummelte. Frankreich-Gesamt. Südfrankreich. Die Gascogne. Südfrankreich und Spanien. Und einige mehr. Puh, das nimmt Ausmaße an. Ich werde mich wohl gleich wieder von einigen dieser Karten trennen. Das stand fest, doch fürs erste war ich froh darüber, zu sehen, daß mir jemand dabei half, meinem Plan eine Gestalt zu geben. Vor allem hatte er jetzt einen Namen: Frankreich – Süden – Atlantik – Arcachon. Das klingt doch schon nach etwas.
„ Also,“ sagte sie endlich, „ Die Campingplätze liegen wie gesagt an der Düne von Pyla, in der Bucht bei Arcachon, direkt am Atlantik.“ Sie sagte dies so, als ob ich wissen müßte, wie es dort aussieht und von was sie sprach.
„ Aha,“ war alles, was sei von mir zur Antwort bekam.
„ Möchten Sie über Landstraße fahren oder über die Autobahn? Wobei ich Ihnen gleich sagen muß, daß Sie ca. 130.-DM an Maut bezahlen müssen, falls Sie sich für die Autobahn entscheiden sollten.“
Ich überlegte kurz, dann fragte ich: „ Was dauert länger?“
„ Landstraße, etwas fünf Stunden länger.“
„ Hm, könnten Sie mir beide Strecken ausdrucken, muß ich mir noch überlegen.“
„ Ja, klar,“ sagte sie mit leicht genervtem Tonfall.
„ Das wäre wirklich sehr nett von Ihnen,“ antwortete ich, um sie zu beruhigen.
Zusammen mit noch einem ganzen Stapel von noch mehr Katalogen, Karten und Informationen (den ich dummerweise angefordert hatte), übergab sie mir die Ausdrucke. Sie erklärte mir noch, was es mit diesen Infos auf sich habe: wie schnell man auf welcher Straße höchstens fahren sollte, wieviel Nahrungsmittel und Getränke man zollfrei einführen dürfe, an wen man sich wo und wann zu wenden habe, natürlich nur im Fall der Fälle, was wir ja schließlich nicht hoffen wollen und anderen Schrott, auf den man achten sollte. Im Endeffekt handelte es dabei um Dinge, die keinen wirklich interessierten. War also für den Arsch. Okay, war ja egal. Ich nahm das Zeug und verschwand. Ich glaubte zu spüren, wie sich die Frau hinter meinem Rücken dreimal bekreuzigte. Hätte ich noch eine Hand frei gehabt und wäre nicht bepackt gewesen mit einer Tonne bedrucktem Umweltpapier, hätte ich dasselbe getan.
Im Baumarkt kam ich mir etwas verloren vor. Weiß überhaupt nicht, wann ich das letzte Mal in einem gewesen bin. Es dauerte einige Minuten, bis ich ein Plakat über mir entdeckte: Alles für den Camper. Ich steuerte also auf ein paar Regale zu, doch so recht wußte ich nicht, ob ich auch finden würde, was ich suchte. Ich stellte mich vor eines der Regale und tat, was die anderen um mich herum auch taten. Ich nahm Dinge in die Hand, von deren Existenz ich vorher noch nie etwas gehört hatte, prüfte sie kurz, warf sie leicht von einer Hand in die andere und stellte sie dann zurück ins Fach. Ein Angestellter des Baumarkts, der mir mein Schauspiel offensichtlich nicht abnahm, fragte mich, ob er mir helfen könne. Ich verneinte und bedachte ihn mit einem verachtenden Blick. Wie um alles in der Welt, könne er mich fragen, ob ich Hilfe benötige. Er schlich sich von dannen. Kaum war er ums Eck verschwunden, verfluchte ich mich und meine dämliches Ego, das zu stolz dazu war, Hilfe anzunehmen. Also mußte ich weiter suchen, an scheinbar unendlichen Regalreihen vorbeilaufen, bis ich fündig wurde. Alles, was ich letztendlich wollte, war ein billiger Gaskocher und die dazugehörigen Butangaskartuschen. Methan, Ethan, Propan, Butan. Vier Kohlenstoffatome, zehnmal Wasserstoff. Was man in der Schule nicht alles lernt. Was fürn Scheiß! Ich wußte jetzt zwar, aus was sich Butan so zusammensetzte, aber was sollte ich damit schon groß anfangen? Mein Gaskocher funktioniert auch so. Oder? Ich entschied mich für einen aus der mittleren Preisklasse. Nicht zu teuer. Wozu auch? Brauche ihn doch nur dieses eine Mal. Nicht zu billig. Soll ja nicht gleich zusammenfallen. Das empfand ich als guten Kompromiß, dafür, daß ich überhaupt keine Ahnung hatte, auf was ich achten mußte.
Im Supermarkt fand ich mich besser zurecht. und als ich dann abends alles im Auto verstaut hatte (Andy hatte wie erwartet nichts dagegen einzuwenden) überkam mich ein Gefühl von Stolz und Glück. Jetzt konnte es losgehen!
Nachts konnte ich kaum schlafen, so aufgeregt war ich. Hab ich auch alles? Die umgeklappte Sitzbank ermöglichte noch so viel Stauraum, daß mir alles etwas klein erschien. Ja, Du hast alles. Zumindest das, was Du wirklich brauchst.
Ich hatte mich für die Landstraße entschieden und dafür, am morgigen Abend zu starten. Die Nacht durchzufahren, erschien mir am günstigsten. Da wird nicht viel los sein auf den Straßen und zu warm wird es in der Karre dann auch nicht. Ich wollte morgens in Arcachon ankommen, um genügend Zeit zu haben, mich um einen Campingplatz zu kümmern. Keine fünf Minuten später kamen mir Zweifel; ich setzte mich aufrecht ins Bett und lies es mir noch einmal durch den Kopf gehen. 18 Stunden Fahrt. Kein Zuckerschlecken! 18 Stunden. Noch bevor ich einschlief, befand ich, daß es doch besser sei, gegen Mittag loszufahren, um zwischenzeitlich vielleicht ein paar Stunden zu schlafen. Ja, das ist besser! 18 Stunden, das hält ja kein Mensch durch! Ich werde an einer Raststätte schlafen. Im Auto. Moment, auf Landstraßen, hab ich doch vorhin irgendwo gelesen, schließen die Tankstellen um 22.00 Uhr. Nee, also beleuchtet und bewacht sollte sie schon sein. Ich schlaf doch nicht irgendwo in der Pampa an einer dunklen Tankstelle. Nee, das geht wirklich nicht. Ich ging die Karte nochmals durch. Ich werde zwischenzeitlich wieder auf die Autobahn fahren. Warum fahr ich nicht die ganze Zeit auf der Autobahn? Nein, Du hast Dich jetzt für die Landstraße entschieden und dabei bleibt es. Punkt. Wenn Du pennen willst, dann kannst Du immer noch auf die Autobahn fahren und Dir ne Raststätte suchen. Genau. So werde ich’s machen. Das gefällt mir. Eine gute Idee. Und wenn Du keine Auffahrt für die Autobahn findest? Was machst Du dann? Ich schaute nochmals auf die Karte. Es beruhigte mich, zu sehen, daß die Landstraßenroute beinahe immer an der Autobahn entlang lief, sich neben ihr schlängelte oder sie sich kreuzten. Dort gibt es überall Auffahrten. Keine Panik. Gut. Das klappt. So wird’s gemacht. Ganz klar. Dann zahl ich halt einmal ein paar Mark an Maut. Was soll’s. Drauf geschissen. Endlich. Ich legte mich hin, um zu schlafen.
Ich ließ mir noch einmal den Sinn dieser Reise durch den Kopf gehen. Ich hatte dieses Gefühl in mir, das keine Ruhe gab. Wie damals am See, als sich ein Licht vor meinen Augen eröffnete; ein helles Feuer, das zu greifen ich nicht in der Lage gewesen bin. Dieser Umstand machte mich jetzt noch wütend. Ein Vogel setzte sich auf meine Schulter und hatte sich durch ein kurzes Picken in meinem Gehirn verewigt. Es schien nur eine Lösung zu geben: ich mußte versuchen, das Feuer zu fassen. Klar, glasklar. Mein Leben war ein einziges Durcheinander. Birgit, sie hatte mich verlassen. Mit ihr, verlor ich den roten Faden meines Lebens. Es kam mir schwachsinnig vor, wie ich mein Leben danach gestaltete. Es waren unzusammenhängende Episoden, die keinen übergreifenden Sinn ergaben. Es war, als ob man versuchen würde, erst Marienhof und dann Unter Uns anzuschauen und diese in einen gewissen Zusammenhang zu bringen. Es paßte nicht, weder vorne noch hinten. Vollkommene Orientierungslosigkeit. Ich stolperte von einer Seifenoper in die nächste, wechselnde Schauspieler, immer flachere Episoden. Wenn ich es mir recht überlegte, hatte ich diese Wut, diesen unbändigen Haß auf alles und jeden, seit mich Birgit durch ihr Verschwinden unsanft aus meiner Umlaufbahn geworfen hatte. Ich drehte mich im Kreis; und das ergab für mich keinen Sinn. Wenn ich die letzte Zeit Revue passieren ließ, verstand ich nichts mehr. Alles, das ständige Betrinken, mein lächerlicher Versuch, mich ins Internet zu flüchten, auf Frauenjagd gehen, alles ständig mies zu machen, die ganze Schwarzseherei erschien mir plötzlich nichtig. Ich konnte nicht fassen, daß ich mich so hatte gehen lassen. Von einem einzigen Ereignis herunterziehen lassen, vom ersten größeren negativen Einschnitt in meinem Leben. Das konnte nicht wahr sein, nein, das konnte ich nicht länger hinnehmen. Die Reise, ja, sie sollte dies verändern. Sie wird es ändern. Das hoffte ich. Ja, sie wird es. Es dauerte noch eine Zeit, bis ich in heller Vorfreude einschlafen konnte.
Achtung, Achtung…
…liebe Autofahrer, wir haben Ihnen eine wichtige Mitteilung zu machen. Wir bekamen die Nachricht, daß sich ein Fahrzeug mit einer hochexplosiven Ladung über europäische Straßen schleicht. Bitte fahren Sie vorsichtig und melden Sie sich bei uns, falls Ihnen ein verdächtiges Fahrzeug begegnen sollte. Unternehmen sie nichts auf eigene Faust. Die zuständigen Behörden werden sich darum kümmern. Ich wiederhole: auf europäischen Kraftfahrstraßen befindet sich ein Fahrzeug mit gefährlicher Ladung im Gepäck. Bitte benachrichtigen Sie uns, falls Ihnen ein verdächtiges Fahrzeug begegnen sollte. Unternehmen Sie nichts auf eigene Faust, sondern überlassen Sie das den zuständigen Behörden. Wir melden uns wieder, wenn die Gefahr vorüber ist. Und nun gute Unterhaltung mit unserem nächsten Titel…


