Roling Novel (22)


Null

Null. Null ist eine Zahl. Zählt man null zu einer Zahl hinzu oder zieht man null von einer Zahl ab, so verändert sich diese Zahl nicht. Eine mit null multiplizierte Zahl ergibt null. Eine Zahl, die durch null dividiert wird, ergibt keinen Sinn. Null bleibt auch übrig, wenn man eine Zahl von sich selbst abzieht. Die Null wird oft als etwas Negatives angesehen. Das ist nicht richtig. Die Null kann durchaus etwas Positives haben. Stellt man die Null hinter eine andere Zahl als wiederum die Null, so verzehnfacht sie ihren wert. Zwei Nullen verhundertfachen das Ergebnis. Undsoweiter. Dieses Prinzip ist nicht auf den Menschen übertragbar. Stellt man hinter einen Menschen, sagen wir, zwölf Nullen, so werten sie diesen nicht auf. Dasselbe gilt für Ideen.

Fünf Wochen später…

Das Zimmer ist schlicht eingerichtet. Die Vorhänge sind Gelb und dreckig. Die Schranktüren haben Schrammen und Striemen und sind in einem stechenden Türkis gehalten, sodaß einem die Augen schmerzen, wenn man sie nur länger als eine halbe Minute betrachtet. Mein Schädel dröhnt immer noch, obwohl ich schon seit gut sechs Tagen wieder bei Besinnung bin. Die Schwestern hier sind nett. Nur eine, Schwester Hilde, ist richtig ekelhaft. Sie hat einfach kein Verständnis für mich. Sie denkt, ich sei ein Spinner. Die anderen sind nett. Alle. Sogar der Neurologe. Das Essen ist schlecht. Aber das ist immer so. Gerade eben ist Stefanie gegangen. Sie besucht mich jeden Tag. Andrew auch. Sie machen sich Sorgen um mich. Glaube ich. Sie tun jedenfalls so. Und das tut mir gut. Sie glauben mir auch, wenn ich ihnen erzähle. Oder sie sagen es, damit es mir besser geht. Stefanie hatte die Idee, ich solle alles aufschreiben, es würde mir bestimmt helfen. Aber wozu? Abgesehen von den körperlichen Schäden geht es mir gut. Wirklich. Außerdem erreichen mich nur Bruchstücke aus meinem Gedächtnis. Der Arzt sagt, das würde sich wieder geben. Er gab Steffi recht. Wenn ich mich damit befasse, wird es wieder zurückkommen. Das glaube ich nicht. Aber wenn ich nicht schreibe, bekomme ich Vorwürfe und das ist noch anstrengender als zu schreiben. Deshalb schreibe ich in dieses Buch. Steffi hat es extra für mich gekauft. Sie ist wirklich nett. Sie bringt mir auch immer Sachen, um mich aufzuheitern. Etwas zu Essen, ein Buch in Großdruck. Meine Augen machen nicht mehr mit, deshalb darf ich auch nur ein bis zwei Stunden pro Tag schreiben. Sonst strengt es die Augen zu sehr an. Ich sehe das anders. Ich muß mindestens eine Stunde schreiben. Dann ist Ruhe. Aber wo beginnen. Mein Kopf – er schmerzt. Nur wenn ich die Augen zusammenpresse, illustriert mein Gehirn einige Bruchstücke. Ich kriege sie nicht in die richtige Reihenfolge. Zumindest nur sehr langsam. Es strengt mich an. Aber ich muß! Morgen wollen sie etwas sehen. Ich muß an mir arbeiten. Ich versuche es.

Am Rasthof Baden-Baden tankte ich das letzte mal in Deutschland. Danach überquerte ich die Grenze, den Rhein bei Mühlhausen und war fortan in Frankreich. Ich hielt gleich danach und rauchte eine Zigarette. Es ging mir gut. Ich war glücklich. Ich schaute auf der Karte nach, wie es denn weiterginge. Lange konnte ich nicht mehr auf der Autobahn bleiben, ohne zahlen zu müssen. Die übernächste Ausfahrt mußte ich nehmen. Gut. Dann ist ja alles klar. Ich stieg in den Fiesta und zischte los.
Ab Burnhaupt fuhr ich Landstraße. Es war eine schöne Landschaft. Wiesen, Felder und kleine Gehöfte zogen an mir vorbei. Außerorts durfte man höchstens 90 km/h fahren. manchmal 100 oder 110 km/h. Ich hielt mich an diese Geschwindigkeitsbeschränkungen so gut es eben ging. Das stellte sich schon alsbald als Fehler heraus. Anfangs überholten mich nur Pkws, was ja nicht weiter schlimm war. Ich hatte es nicht eilig. Als mich dann jedoch Lieferwägen und Kleinbusse hinter sich ließen, kam ich schon ins Grübeln. Nein, Geschwindigkeitsüberschreitungen werden in Frankreich in der Regel strenger geahndet, hatte ich in einem der Infoblätter gelesen. Also, bleib‘ ganz ruhig. Alles im Griff, dachte ich. Hast Du gedacht, ja?
Hinter mir hupte es. Ein lautes, tiefes Hupen. Das, eines Lastwagens. Er setzte den Blinker und scherte aus. Plötzlich tauchte ein Siebentonner neben mir auf. ich schaute auf das Tachometer: 95 km/h. Der Lastwagen fuhr weiß Gott wie schnell. Auf der Landstraße. Auf einer Straße, die schlecht ausgebaut und befestigt ist, dazu schmal wie eine Jungfrau. Der Typ hat einen Knall. Dann, noch ein Hupen. Ich war auf der Höhe des Anhängers. Ich hatte kaum Sicht nach vorne; zumindest konnte ich die Gegenspur nicht erkennen. Der Laster verdeckte alles. Scheinbar wollte er wieder einscheren. Er bekam bedrohlich näher. Es waren vielleicht noch 40 Zentimeter zwischen meinem Kotflügel und dem Hinterreifen des Anhängers. Scheiße, verdammte Scheiße, dieser schwachsinnige Hurenbock, verpiß Dich, verpiß Dich bloß. Das Hupen wurde länger, nervöser. Tut, tuuut, tut, tut, tuuuuut, tut. Ich stieg ins Eisen. Der Wagen wollte ausbrechen. Zu viele Kräfte wirkten auf ihn ein. Ich löste die Bremsen, stieg wieder drauf, lenkte dagegen, lockerte den Tritt, ausgleichen, gegenlenken, ausgleichen, bremsen. Der Siebentonner fuhr vor mir auf die Spur; er hupte noch immer. Zwischen mir und diesem metallenen Monstrum war kaum noch genügend Platz, um eine Sprudelkiste dazwischen zu klemmen. Gerade als ich zur endgültigen Vollbremsung ansetzte, rauschte auf der Gegenspur ein weiterer Lastwagen an mir vorbei. Dieses mal in entgegengesetzter Richtung. Also richtig herum, für meinen Geschmack. Nun verstand ich das nervöse Hupen des Fahrers vor mir besser. Das hätte einen wahnsinnigen Crash gegeben. Das könnt ihr mir glauben. Zwei Lastwägen und ich. Wow! Ich wäre danach so platt und so farblos gewesen wie die Gurke auf einem MacDonald’s-Hamburger. Meine Fresse.
Ich fuhr rechts an den Straßenrand und atmete tief durch. Mein herz klopfte. Ich spürte, als sich die Anspannung ein wenig löste, wie mir ein kalter Schauer den Rücken abwärts bis zum Steißbein lief. Ich setzte mich halb auf die Motorhaube. Dann rauchte ich drei Kippen nacheinander. Ich beruhigte mich. Während der letzten Zigarette hielt ein alter, hilfsbereiter Franzose mit Vollbart und Birkenstocksandalen an. Er fragte mich, ob ich Hilfe bräuchte. Erst jetzt fiel mir auf, daß ich mich ziemlich blöd neben einen Baum und einen Streckenpfosten gestellt hatte. Der Typ dachte wohl, ich wäre von der Straße abgekommen, direkt in eines der beiden Dinger. Oder vielleicht gleich alle beide. Er lief um das Auto herum. Betrachtete es eingehend und schaute mich fragend an, als er nirgends eine Delle im Blech finden konnte. Ich erklärte ihm, daß ich nur eine Pause mache. Das befriedigte ihn scheinbar nicht. Ich glaube, er wollte seinen Erste-Hilfe einmal anwenden, oder so ähnlich. Ich versuchte ihn zu vergraulen. Hey, ich mach nur ne kleine Pause, verstanden. Mein Französisch war schlecht. Offensichtlich verstand er mich nicht genau. Ich setzte mich ins Auto und winkte ihm zu, als er ein weiteres Mal die Karosserie unter die Lupe nahm. Ich rauchte nochmals eine und öffnete das Fenster. Dem Mann wurde es langsam zu blöd. Er blickte mich an und schüttelte den Kopf. Im Weggehen fluchte er noch kurz: „ Allemand!“, dann stieg er ein und fuhr weiter. Ich auch. Das war nochmals gutgegangen. Schwein gehabt. Wirklich. Von jetzt an fuhr ich so schnell, wie ich es für richtig hielt. Fertig. Lieber geblitzt werden als zerfetzt!
Irgendwo, mitten in Frankreich, ich glaube es war in der Nähe von Moulins, tankte ich wieder voll. Nur zur Sicherheit. Ich wollte nicht, daß ich plötzlich, nachts, auf der Landstraße stehen bleiben würde. Das wäre das allerletzte! Ich trank dort noch einen Kaffee aus dem Automaten und kaufte mir ein paar dieser Power-Riegel. Mir fiel die Werbung ein, in der ein Typ seine Karre mit letzter Kraft an eine Zapfsäule bringt, in das Tankstellenhäuschen geht, einen dieser Riegel frißt und dann sein Auto weiter schiebt. Zurück blieb nur der verdutzte Tankwart. Wenn es zum Schieben reicht, wird der Riegel beim Fahren auch nicht hinderlich sein, dachte ich. Trotzdem, der Typ war ein saublöder Idiot, wenn Ihr mich fragt. Was soll man dazu noch sagen? Mir wurde klar, daß es trotz der wundervollen Landschaft und den verträumten Dörfern, langweilig wurde. Ich regte ich schon über einen billigen Werbespot auf und versuchte mir vorzustellen, wie sich dieser Kerl wohl fühlte und was er sich dabei gedacht habe, sein Auto zu schieben und nur einen Schokoladenriegel zu essen. Den Tankwart verstand ich besser.
Ich wurde müde. Jetzt kannst Du keine Rast machen, also reiß Dich zusammen. Du wolltest erst auf der Autobahn halten, das hast Du Dir vorgenommen, und so soll es sein. Du kannst Deinen Plan nicht gleich am ersten Tag, bei der ersten kleinen Schwierigkeit umwerfen, als ob er nichts bedeute. Reiß Dich zusammen. Das bist Du Dir schuldig!
Zu allem Überfluß dämmerte es noch. Ich legte eine Red-Hot-Chili-Peppers-CD ein und sang mit, um mich wach zu halten.
Mein Weg führte beinahe die ganze Zeit über direkt nach Westen. Den Sonnenuntergang hatte ich nun stets vor Augen. Ich fuhr ständig auf eine rotglühende Masse zu, die sich quer über den Horizont erstreckte. Ein beeindruckendes Spiel der Farben. Es schien mir, als ob eine gewaltige, dunkle Macht versuchte, das Licht hinter den Hügeln in die Tiefe zu drücken. Langsam, aber beständig. Tiefer und tiefer stopfte das Dunkel der Nacht die Sonne hinunter. Bald darauf war es dunkel. Die Sterne leuchteten schon, es war eine klare nacht. Das sieht gut aus, die Götter scheinen es gut mit mir zu meinen. Einige Kilometer später, verschwand der letzte helle Streifen hinter den Hügeln; die dunklen, fast schwarzen Baumspitzen hoben sich kaum noch von der Schwärze des Himmels ab. Ich fuhr weiter. Just cruisin‘!

Donnerstag. Ich muß wohl während des Schreibens eingeschlafen sein. Ich erwachte erst wieder als die Schwester mit dem Frühstück kam. Das Buch und der silberne Kugelschreiber liegen noch vor mir. Mein Kopfweh ist besser geworden. Das Essen nicht. Ich hoffe, daß die Schwester mir nur das Essen gebracht und nicht noch in meinen Aufzeichnungen gelesen hat. Sie würde denken, ich sei ein Idiot. Das tut sie vielleicht sowieso. Ich vermute, daß ich ein belustigendes Gesprächsthema im Schwesternzimmer bin. Aber es stört mich nicht. Vielmehr stört mich die Tatsache, daß mir niemand sagen kann, was aus Steven geworden ist. Stefan, ja, Steven. Wo ist er? Niemand glaubt mir, wenn ich von ihm spreche. Das ist komisch. Am ersten Tag meines Bewußtsein hielten alle meine Aussagen für einen Traum. Ich weiß, daß es kein Traum war. Ich habe aber keine Beweise. Steven – was ist mit ihm geschehen?

Informationen und Links

Treten Sie der Blogosphäre bei, indem Sie kommentieren, verfolgen, was andere zu sagen haben, oder verlinken Sie andere Seiten in Ihrem Blog.


Andere Posts

Schreiben Sie einen Kommentar

Nehmen Sie sich einen Moment und sagen uns was Sie denken.

Leser Kommentare

Seien Sie der Erste, der einen Kommentar schreibt!